Weiber Wolle Wein

  • Blick in die Wyburg mit Wollknäuel auf dem Tisch

Ursula Schweizer, Janine Witzig und Sonja Oertle – drei Frauen, die alle erfolgreich im Geschäftsleben stehen. Und gleichzeitig den Spagat zwischen Beruf, Familie und der Verwirklichung eigener Träume schaffen. Am Frauennetz-Abend zum Thema «Weiber Wolle Wein» verrieten sie ihr Rezept: Mit Leidenschaft und Herzblut dabei sein und den Mut haben, den eigenen Überzeugungen zu folgen.

Die Frau sass da, eine Zigarette im Mund, und rechnete in aller Ruhe die Masse des Modells aus, während die Kundinnen geduldig warteten. Es war dieser Moment, der die Zukunft von Ursula Schweizer bestimmte. Damals, als sie mit ihrer grossen Schwester vom elterlichen Hof in Eschenbach nach Rapperswil gefahren war, um Wolle zu kaufen. Zurück nahm sie mehr als das, den Vorsatz, selbst einmal ein solches Geschäft zu führen. Also suchte sich Ursula Schweizer eine Lehrstelle in einem Wollgeschäft. «Einfach war das nicht, aber schliesslich klappte es», erzählt sie.

Mit der Handorgel neue Kundinnen gewinnen

Nach der Lehre übernahm sie in Glarus eine Filiale. Der Start war schwierig. Einem so jungen Ding wie ihre, habe man noch nicht allzu viel zu getraut, meint sie. Sie liess sich davon aber nicht beirren. Da sie schon immer mit ihren Geschwistern musiziert hatte, trat sie kurzerhand dem Handorgel-Verein bei. Was sich als wegweisend herausstellte. «Sie waren froh über ein neues Mitglied und sie machten überall Werbung für mich. Eine Win-Win-Situation für alle», kommentiert Ursula Schweizer in ihrer sympathisch-direkten Art, die so typisch ist für sie. Bald kamen Kundinnen aus dem ganzen Glarnerland zu ihr.

Mit dem Jodel durch die USA

Ursula Schweizer führte aber nicht bloss ein erfolgreiches Wollgeschäft. Mit zwei von ihren neun Geschwistern tourte sie als Trio Oberholzer durch die Schweiz und einmal reisten sie für eine Tournee gar in die USA. Konzerte, Fernsehauftritte und Plattenaufnahmen – all dies hätten sie neben ihrer eigentlichen Arbeit getan, erzählt Ursula Schweizer. «Da braucht es einen soliden Lebenswandel, sonst geht das nicht», kommentiert Ursula Schweizer sec. Durch die Musik lernte sie auch ihren Mann kennen. 1975 zog sie mit ihm nach Gossau. Dort eröffnete sie ihr erstes eigenes Geschäft. Endlich. 1993 ein Schicksalsschlag. Ihr Mann verstarb unerwartet. Damals waren sie gerade dabei, an die Herisauerstrasse 8, dem heutigen Standort, umzuziehen. «Es war hart. Da waren meine vier Kinder, der Rohbau, die festlich geplante Eröffnung», erinnert sich Ursula Schweizer. Nur dank der Unterstützung ihrer Familie und der Arbeit habe sie diese Zeit gemeistert.

Eigene Modelle im Strickzeitschriften

Die folgenden Jahre waren ein schwieriger Balanceakte zwischen Muttersein und selbständiger Geschäftsfrau. Es habe halt weitergehen müssen, meint sie einfach. Ihr Durchhaltewille zahlte sich aus, heute ist die Wulleboutique in Gossau eine Instanz weit über die Region hinaus. Die von Ursula Schweizer entworfenen Modelle werden nicht nur von ihren Kundinnen nachgestrickt, sie erscheinen auch in diversen Strickmagazinen. Das mache sie schon stolz, sagt Ursula Schweizer. Das Geheimnis ihres Erfolges im Zeitalter von Online-Shopping? «Man muss etwas bieten. Beratung und Service ist, auch wenn das Stau verursacht», sagt sie. Ihren Traum vom eigenen Geschäft hat sie verwirklicht, nur ohne die Zigarette. «Das geht in einem Wollgeschäft gar nicht.»

Auf Umwegen zur Winzerin

Aufgewachsen ist Janine Witzig ist auf dem elterlichen Gut, ihre Eltern führten die Kellerei Lindetröpfli in Uhwiesen nahe beim Rheinfall in der vierten Generation. So wusste sie eines: Winzerin wollte sie bestimmt nicht werden. Das Arbeiten draussen bei Wind und Wetter, die langen Tage im Keller ohne einmal das Sonnenlicht zu sehen, das war nicht ihr Ding. Und doch ist sie heute Winzerin mit Leib und Seele. «Ich machte die Ausbildung zur Physiotherapeutin. Aber irgendwi

e fehlte mir immer etwas», erzählt sie. Also entschied sie sich – sehr zur Freude ihrer Eltern – doch noch in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Bevor es so weit war, wollte sie aber die Ausbildung zur Winzerin machen. Dazu fuhr sie in die Romandie und arbeitete auf einem grossen Betrieb nahe Genf mit 250 Hektaren Land und 22 Hektaren Weinreben. «Es war streng. Manchmal kamen wir erst gegen 2 Uhr morgens ins Bett und um 7 Uhr ging es schon wieder los. Aber ich merkte, es war genau das, was ich machen will», erzählt die junge Frau.

Französischer Wein in der Schweiz anbauen

In der Romandie lernte sie auch ihren Partner kennen, der ebenfalls Winzer ist. Da er aus Südfrankreich stammt, war lange unklar, wo sich die beiden einst endgültig niederlassen wollte. Als Janine Witzig Mutter wurde, entschieden sie sich für die Deutschschweiz. «Als Ausgleich holten wir dafür Trauben aus Südfrankreich. Jetzt machen wir in der Schweiz französischen Wein.» Heute führen sie das «Lindetröpfli» in der fünften Generation. Zum Gut gehören an die fünf Hektaren Rebfläche. Die Kellerei produziert jährlich bis zu 40‘000 Flaschen Wein aus den Traubensorten Riesling Sylvaner, Räuschling, Kerner, Pinot Noir und Acolon.

Ganzheitlicher, instinktiver und besser organisiert

Machen Frauen anderen Wein als Männer? Einen Unterschied sieht Janine Witzig vor allem in der Herangehensweise. «Wir Frauen sehen vieles ganzheitlicher. Und wir hinterfragen die Dinge eher», meint sie. Bei Frauen spiele der Instinkt eine grössere Rolle. «Beim Wein entscheide ich vieles instinktiv. Ich spüre zum Beispiel, wann ich den Wein umziehen soll.» Auch beim Degustieren und in der Betriebsführung sieht sie die Frauen im Vorteil. «Ich denke, wir Frauen sind feinfühliger und besser organisiert.»

Mehr Hagel und Frost

Die grösste Herausforderung bei ihrer Arbeit ist natürlich das Wetter. Seit 2014 sei dieses viel extremer geworden, es gebe immer mehr Frost und mehr Hagel, sagt Janine Witzig. Im Vergleich zu früher würden sie auch mit der Lese viel früher beginnen. «Während mein Grossvater sie hinauszögerte und erst im November gelesen hat, beginnen wir schon im September.» Eine weitere Herausforderung sei, als Frau die richtige Balance zu finden, zwischen Arbeit und Familie. «Wir Frauen befürchten immer, dass wir nicht beidem gerecht werden», sagt die zweifache Mutter. «Schliesslich will ich eine gute Winzerin und ein gutes Mami sein.»

Von der Köchin zur Sommelière

Zu Gast war das Frauennetz an diesem Abend bei Sonja Oertle in der Wyburg in Herisau. Auch sie wollte nie in die Fussstapfen ihrer Mutter treten, die Wirtin war. Letztlich machte sie doch eine Kochlehre. Doch wirten mochte sie aber selbst nach der Hotelfachschule nicht. Stattdessen liess sie sich zur Sommelière ausbilden und arbeitete lange bei einem Weinhändler. «Der Wein, das ist meine Leidenschaft», sagt Sonja Oertle.

Holz aus der Lawinenverbauung

Der Zufall wollte es, dass sie eines Tages an der Wyburg vorbeiging und die Idee hatte, hier ihre eigene Weinhandlung zu eröffnen. «Ich hoffte nur, dass die Besitzer Wein mögen», sagt sie. Sie mochten und innert kürzester Zeit war aus dem lange leer stehenden Gebäude – das nach der Erbauung eine Weinhandlung und eine Gastwirtschaft war – ein wahres Bijoux geworden. Den einzigartigen Kreuzgewölbekeller entworfen und gebaut hat Sonja Oertles Bruder Jörg Tobler. «Wir haben alles neu gebaut, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht», verrät sie. Besondere Akzente setzt das sonnenverbrannte Holz, das von Lawinenverbauungen bei der Parsennbahn in Davos stammt.

Der erste Gast bestimmt das Menü

Mit der Weinhandlung ist für Sonja Oertle ebenfalls ein Traum in Erfüllung gegangen. Und mit ihr wurde sie schliesslich doch noch Wirtin. Allerdings nur am Freitagabend. Für diesen hat sie sich ein besonderes Konzept ausgedacht: Immer der erste Gast bestimmt das Menü. Zusätzlich bietet Sonja Oertle Weinseminare an, veranstaltet Events und vermietet den Gewölbekeller. «Die Weinhandlung und die Events, das bereichert mein Herz. Ich habe einfach einen wunderbaren Job», sagt Sonja Oertle.

Hier geht es zu den Impressionen.

Von |2019-11-20T17:25:26+01:0020. November 2019|Events, Frauen, Genuss|0 Kommentare