Krieg der Informationen – wie Algorithmen unsere Kommunikation beeinflussen

  • Adrienne Fichter beim Vortrag

Desinformation, Propagandakampagnen, ausländische Einmischung, Datendiebstahl. Die sozialen Medien und ihre Entwicklung in den vergangenen Jahren zeigen Nebenwirkungen und bergen Risiken. Fake News und Microtargeting beeinflussen und prägen unser Kommunikationsverhalten. Statt eine breite Diskussion zu führen, in der jede Stimme Platz hat, bewegen wir uns im Netz je länger je mehr in einer homogenen Filterblase. Nicht das beste Argument setzt sich durch, sondern jenes, das für den meisten Lärm sorgt – ob wahr oder gefälscht.

Andrea Sterchi

Es braucht nicht viel: Ein reisserischer Titel, ein hetzerischer Kommentar und, das wichtigste, eine direkte Aufforderung: like, share, comment. So funktionieren Fake News. «Das Geheimrezept ist, den Leserinnen und Lesern ständig zu sagen, was sie tun sollen», sagt Adrienne Fichter. Mit dem Resultat, dass Fake News weit besser gelesen werden als Inhalte von traditionellen Medien. Am Frauennetz-Abend «Smartphone Demokratie – Fake News vorprogrammiert?» verdeutlichte die Politologin und Journalistin eindrücklich, wie die Mechanismen der digitalen politischen Meinungsbildung funktionieren. Mit dem Begriff Fake News ist Adrienne Fichter allerdings nicht ganz zufrieden. Zutreffender findet sie Desinformation, also «das Streuen von vorsätzlich falschen Informationen». Wir befinden uns sozusagen im Krieg der Informationen. Und beim Kampf um Klicks nehmen es längst nicht alle so genau.

Hehres Ziel: Das Netz als Diskussionsplattform für alle

Wie aber konnte es soweit kommen? Das Internet startete einst mit der Hoffnung, dass alle einen Platz in der öffentlichen Diskussion haben und sich das beste Argument durchsetzt. 20 Jahre später folgt die Ernüchterung: «Gibt man jedem eine Stimme, dann sind die «Arschlöcher» die Lautesten», kommentiert Joi Itō, Leiter des einflussreichen Tech-Forschungsinstituts MIT Media Lab der Universität Massachusetts Institute of Technology in den USA. Was uns das bringt: Fake News, Manipulation, Propagandakampagnen und Datendiebstahl.

Fake News gab es schon immer

Nun mag man einwenden, dass Falschinformationen schon immer eingesetzt wurden, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. So zum Beispiel während des Kalten Krieges oder 2003 beim Ausmass der Bedrohung durch Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Nur: «Heute bewegen wir uns im Internet in einer Filterblase. Unser Kommunikationsraum wird dadurch immer isolierter und homogener», sagt Adrienne Fichter. Kommt hinzu: Das Verbreiten von Fake News kostet nichts. Im Gegenteil, man kann damit sogar gutes Geld verdienen.

Daten fliessen in andere Datenbanken ab

Begünstigt haben diese Entwicklungen die sozialen Medien selbst, indem sie die entsprechende Infrastruktur geschaffen haben. «Das Design der Plattformen und ihre Algorithmen prägen unser Kommunikationsverhalten», sagt Adrienne Fichter. Begonnen hat es damit, dass Facebook 2010 seine App-Plattform für Entwickler geöffnet hat. Nutzerinnen und Nutzer konnten sich jetzt über Facebook mit anderen Apps verbinden. Nicht bewusst war ihnen, dass gleichzeitig ihre Daten abflossen. Zum Beispiel in die Datenbank von Cambridge Analytica. Das Datenanalyse-Unternehmen nutzte diese für gezielte Wahlkampfmanipulation. Wie das ging, beschreibt Adrienne Fichter in diesem Artikel im Online-Magazin Republik.

Perfektes Instrument zur Mobilisation

Facebook mag dem Datenabfluss Tür und Tor geöffnet haben, andererseits erwies sich die Plattform auch als wichtiges Protestinstrument, etwa im arabischen Frühling oder beim Women’s March on Washington 2017. Ohne Facebook hätten sich die Akteurinnen und Akteure nicht so gut organisieren können. Dank Facebook und Co. schaffen es zudem neue Themen auf die mediale Agenda, die sonst kaum Beachtung gefunden hätten.

Die beste personalisierte Zeitung der Welt

Nebenwirkungen bescherte uns auch Facebooks Ankündigung 2013, die Plattform in die beste personalisierte Zeitung der Welt zu verwandeln. Fortan favorisierte sie Medieninhalte bei der Selektion der News für die Newsfeeds der Nutzer. Damit erhielten diese Inhalte eine viel höhere Reichweite als jene von anderen privaten Unternehmen. Es dauerte nicht lange, bis Trittbrettfahrer dies ausnützten und mit Fake-News-Websites, wie zum Beispiel Liberty Writers News, Geld verdienten. Denn der Facebook-Algorithmus unterscheidet nicht zwischen wahren oder gefälschten Informationen.

Geschlossene Gruppen verhindern öffentliche Kritik

«Fake News sind oft gut gemacht», sagt Adrienne Fichter. Viele von ihnen werden nie aufgedeckt. Eben weil wir uns im Internet immer weniger in öffentlichen Netzwerken, sondern in geschlossenen Gruppen bewegen. Und weil wir personalisierte Inhalte präsentiert erhalten. Facebook hat 2014 das Microtargeting, also die zielgruppenspezifische Ansprache, stark ausgebaut. Das erlaubt es zum Beispiel, jeder Wählergruppe andere Inhalte auszuspielen. Es gibt keinen Streuverlust. Nur, eine politische Diskussion wird so verunmöglicht. Und: Die Nebenwirkungen sind Missbrauch, Manipulation und Intransparenz. Falschinformationen werden von Freunden sozusagen im privaten Raum geteilt, was öffentliche Kritik, etwa durch die Medien, verhindert.

Was können wir gegen Fake News tun?

Zum einen braucht es mehr Transparenz, fordert Adrienne Fichter. «Plattformen müssen Daten für Schweizer Forscherinnen und Forscher sowie für die Medien herausgeben.» Zum andern appelliert sie an die Mediennutzerinnen und -nutzer, bei Projekten mitzuarbeiten, die Desinformation bekämpfen, zum Beispiel Add-On Political Ad Collector. Mehr darüber, wie Sie dabei helfen können, verdeckte Politwerbung in den sozialen Netzwerken aufzudecken, lesen Sie hier. Vor allem aber rät Adrienne Fichter: «Bleiben Sie kritisch.»

Hier geht es zu den Impressionen.

Das Buch zum Thema:
Smartphone-Demokratie. #fakenews #facebook #bots #populismus #weibo #civictech. Adrienne Fichter (Hg.), NZZ Libro, 2017, ISBN: 978-3-03810-278-6

Von |2019-10-14T20:57:54+02:0025. September 2019|Digital, Events, Frauen, Politik|0 Kommentare