Das Potenzial des kleinen Glücks

  • Hackbrettmusikerinnen spielen bei Sinn und Genuss

Was macht eine Organisation widerstandsfähig? Wie schafft es jemand, der die tiefsten Tiefen erlebt hat, daran nicht zu zerbrechen? Wie können wir im Alltag unsere psychische Wetterfestigkeit fördern? Die zwei Referentinnen Gabriela, Kasper-Dudli und Karin Scheiber, und der Referent Mark Riklin beleuchteten bei der zweiten Ausgabe von «Sinn & Genuss» das Thema «Resilienz» aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Und präsentierten Faktoren, die für die innere Stärke eine zentrale Rolle spielen.

Andrea Sterchi

Ausverkauft. Schon kurz nach der Ausschreibung durfte das Organisationsteam die erfreuliche Meldung verkünden. Mit dem Thema «Resilienz – das Geheimnis starker Menschen» hatte es die perfekte geistige Nahrung für einen genussvollen Abend gefunden. Einer erfolgreichen zweiten Ausgabe von «Sinn & Genuss», einem Abend von und für Frauen der verschiedenen Frauenorganisationen aus Gossau, Arnegg und Andwil, stand damit nichts im Wege. Zumal jedes der drei Impulsreferate die innere Widerstandsfähigkeit aus einer anderen Sicht betrachtete.

Sich mit Wertschätzung begegnen

Den Auftakt machte Gabriela Kasper-Dudli, Institutionsleiterin vom Quimby Huus in St.Gallen, in dem Menschen mit einer Hirnverletzung, einer Körperbehinderung oder einer fortschreitenden Krankheit wohnen und arbeiten. Sie fragte, was eine Organisation stark und gesund mache. Und gab gleich die Antwort: Die Menschen, ob Klientinnen und Klienten oder Mitarbeitende, so annehmen, wie sie sind. «Menschen müssen wissen, dass sie etwas wert sind», sagte Gabriela Kasper-Dudli. «Unser Ziel ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich angenommen und wertgeschätzt fühlen.»

An den Stärken orientieren

Ein wertschätzendes Umfeld entstehe, indem man nach dem Empowerment-Grundsatz führe. Dabei orientiert man sich an den Stärken und Fähigkeiten eines jeden, im Zentrum stehen Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. «So unterstützen und begleiten wir nicht nur unsere Klientinnen und Klienten, sondern auch die Mitarbeitenden», erklärte Gabriela Kasper-Dudli. Dazu gehört, dass alle teilhaben und mitentscheiden können. So gestalten zum Beispiel die Teams ihre Arbeitspläne autonom. Im Quimby Huus denkt man auch nicht in Abteilungen. Im Gegenteil: «Wir sind ein grosses Team», sagte Gabriela Kasper-Dudli. Das wichtigste für sie aber ist: Anteil nehmen am Leben der anderen. Deshalb ist es für sie selbstverständlich, all ihren 57 Mitarbeitenden jedes Jahr eine persönliche Weihnachtskarte zu schreiben. «Denn der wichtigste Faktor für Resilienz ist die Beziehungspflege.»

Berührende Zitate und ResilienzforschungGrafik des Kohärenzsinns

Karin Scheiber, Theologin und Lehrerin, zeigte mit berührenden Zitaten aus den Tagebüchern der holländischen Jüdin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz umkam, wie sich manche Menschen selbst in den widrigsten Umständen ihre innere Stärke bewahren können. Die Zitate verband sie mit Erkenntnissen aus der Resilienzforschung des Medizinsoziologen Adam Antonovsky. Dieser beschäftigte sich in den 1970er Jahren mit der Frage, was uns gesund macht und was uns beim Gesundwerden hilft. Antonovsky fand heraus, dass jeder von uns mehr oder weniger ausgeprägte Widerstandsressourcen hat. Daraus entwickelte er das Konzept der Salutogenese. Nach dieser ist der Kohärenzsinn der entscheidende Faktor beim Gesundwerden. Er setzt sich aus drei Aspekten zusammen: der Verstehbarkeit, die uns erlaubt, das Rundherum in ein grösseres Ganzes einzuordnen und zu verstehen; der Handhabbarkeit, mit der man es sich zutraut, die Anforderungen und Herausforderungen des Lebens zu meistern; und der Sinnhaftigkeit, der Glaube an den Sinn des Lebens. Antonovsky folgerte daraus, je höher der Kohärenzsinn ist, desto höher ist die Resilienz.

Resilienz ist eine Aufgabe

Etty Hillesum besass gegen Ende ihres Lebens einen hohen Kohärenzsinn. «Sie hatte die Fähigkeit, das Unabänderliche zu akzeptieren», sagte Karin Scheiber. «Sie erkannte Möglichkeiten und verstand es, diese in kleine Wirklichkeiten zu verwandeln.» Sie habe nicht resigniert und Kraft aus ihrem Glauben geschöpft. «Resilienz können wir nicht machen. Wir können aber pflegen, was unsere Resilienz stärkt.» Resilienz sei letztlich nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Aufgabe.

Die satirische Distanz vergrössern

Mark Riklin, freischaffender Journalist, Soziologe und Dozent, ging schliesslich auf eine humorvolle Art und Weise der Frage nach, wie wir unsere Resilienz im Alltag fördern können. Hilfreich sei, die satirische Distanz zu sich selber und zu den eigenen Unzulänglichkeiten zu vergrössern. «Früher schätze man mich immer jünger. Irgendwann änderte sich das. Heute hält man mich manchmal für den Vater meiner acht Jahre jüngeren Brüder oder gar für den Mann meiner Mutter», erzählte er mit einem Augenzwinkern.

Probleme entkleidenResilienz-Rad mit 8 Faktoren

Als Vater interessiert ihn die Frage, wie man bei seinen Kindern die «psychische Wetterfestigkeit» stärken kann. «Denn immer wo es praktisch wird, dort bleibt die Literatur stehen.» Anhand der acht Faktoren der Resilienz gemäss dem Resilienzrad des Resilienzzentrums Schweiz verdeutlichte er: Alles ist eine Frage der Perspektive. «Reden wir über das Gelingen anstatt über <bad news>.» Er geht mit Henry Ford einig, dass Probleme verkleidete Möglichkeiten sind. «Entkleiden wir sie, dann kommen wir zu den Möglichkeiten.»

Achtsamkeit und Akzeptanz

Für Resilienz braucht es auch Achtsamkeit gegenüber sich selber. «Wir müssen uns bei guter Laune halten. Schaffen wir das, haben wir viel erreicht», sagt Mark Riklin. Kinder müssten ebenfalls wissen, was ihnen gut tut. Letztlich ist auch Akzeptanz wichtig. Wir müssen das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen annehmen. «Resilienz entsteht erst, wenn es Widerstände gibt», sagte Mark Riklin. Er selbst findet herausfordernde Situationen spannend, die im Alltag immer wiederkehren. «Für sie müssen wir ein Handlungsrepertoire entwickeln», empfiehlt er. Zum Beispiel auf den Tisch steigen und alles von oben betrachten. Oder überlegen, was Pipi Langstrumpf in dieser Situation tun würde. Gerade mit Kindern sei dieser Perspektivenwechsel ein lustvolles Training. «Wir müssen den positiven Momenten in unserem Leben mehr Bedeutung geben», fordert Mark Riklin. Und nennt das: das Potenzial des kleinen Glücks. «Glück haben reicht nicht, wir müssen es auch erkennen.»

Titelbild: Tanja Mosberger, Grafik Kohärenzsinn: FlorianKrause (eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56140030), Resilienz-Rad: Resilienzzentrum Schweiz.

Mehr Bilder gibt es unter Impressionen.

Von |2019-06-12T20:45:24+02:0010. Februar 2019|Events, Frauen, Genuss|0 Kommentare