Selbstbewusst und mutig auf das politische Parkett

Vor welchen Herausforderungen steht die moderne Frau in der Politik? Antworten lieferte Regierungsrätin Heidi Hanselmann. Sie sprach an unserem Politikabend «Helvetia ruft! Mehr Frauen in die kantonale Politik» über die Macht der Sprache und Geschlechter-Stereotypen. Ihr Fazit: Sind wir uns dessen bewusst, dann hilft es, humorvoll mit ihnen umzugehen. An die anwesenden Kandidatinnen für die kantonalen Wahlen appellierte sie: «Traut euch, gewinnt, dann ändert sich etwas!»

«Wer schreibt das Protokoll?» Bei dieser Frage richten sich die Augen aller Männer automatisch auf die einzige Frau unter ihnen. Dies, obwohl frau dieses traditionelle Rollenverständnis vom Mann als Chef und der Frau als Sekretärin längst überwunden glaubte. Keineswegs. Politikerinnen aller Couleur erleben immer wieder Situationen, in denen ihnen eine bestimmte Rolle zugedacht oder ihnen gar die Kompetenz abgesprochen wird, nur weil sie eine Frau sind.

Gefangen in alten Rollenbildern

Als Frau sei man auf dem politischen Parkett oft allein, sagt Regierungsrätin Heidi Hanselmann. Das bestätigt die Statistik: Von 77 Gemeinden im Kanton werden nur zwei von einer Frau präsidiert. Im 120-köpfigen Kantonsrat sitzen 23 Frauen, in der Regierung nur gerade eine. Von den 12 St.Galler Nationalratssitzen sind fünf von Frauen besetzt, im Ständerat gibt es gar keine St.Gallerin. Immerhin: Mit Karin Keller-Sutter haben wir eine Bundesrätin. Doch von einer Parität ist die oberste Landesbehörde weit entfernt, geschweige denn von einer weiblichen Mehrheit. «Wir haben grossen Nach- und Aufholbedarf», meint Heidi Hanselmann und richtet sich mit einem Appell an die anwesenden Kandidatinnen: «Geht rein, geht ran, gewinnt. Dann ändert sich etwas.» Denn weibliche Vorbilder in Politik und Wirtschaft brächten viel mehr als jedes Förderprogramm.

Wenn zwei dasselbe tun, ist es nie das Gleiche.

Gleiches Verhalten unterschiedlich interpretiert

Mit mehreren Vergleichen verdeutlichte die Regierungsrätin, wie uns Geschlechter-Stereotypen begleiten. Wem vertraut man mehr? Dem älteren Arzt oder der jungen Ärztin? Dem Bergführer oder der Bergführerin, die ihr Kind im Arm hält? Studien zeigen, dass die genau gleiche Bewerbung anders wahrgenommen wird, je nachdem, ob sie von einer Frau oder einem Mann kommt. «Wenn zwei dasselbe tun, ist es nie das gleiche», sagt Heidi Hanselmann. Das gleiche Verhalten werde nämlich anhand von Geschlechter-Stereotypen unterschiedlich interpretiert. Wird eine Frau laut, dann heisst es, sie ist zickig oder emotional. Der Mann hingegen gilt als zielfokussiert, als einer, der weiss, was er will. «Weigert frau sich, das Protokoll zu schreiben, dann startet sie gleich anders in die Sitzung. Sie gilt als diejenige, die sich verweigert», sagt Heidi Hanselmann. Bei einem Mann wäre das anders.

«Guten Tag Herr Minister»

Geschlechter-Stereotypen seien die Realität. Ihr sei es auf einem Auslandbesuch auch schon passiert, dass ihr Mann als Minister begrüsst wurde und nicht sie. «Der Frau von Regierungsrat Beni Würth ist das bestimmt noch nie passiert», sagt die Regierungsrätin mit einem Augenzwinkern. In solchen Situation helfe es, wenn frau humorvoll mit der ihr zugedachten Rolle umgehe.

Dann ist es ja gut, gibt es Politikerinnen. Die machen es besser.

Die Macht der Sprache

Auch die Sprache kennt Geschlechter-Stereotypen. Wo er als führungsstark bezeichnet wird, ist sie hart, wo er Dossier sicher ist, ist sie verbissen, und wo er überlegt handelt, handelt sie zögerlich. «Wir müssen uns bewusst sein, was die Sprache mit mir und meinem Gegenüber macht», sagt Heidi Hanselmann. Das Wissen um diese Stereotypen, helfe, Strategien zu entwickeln, besser mit ihnen umzugehen. Ihnen wenn möglich mit einem Augenzwinkern zu begegnen. So entgegnet Heidi Hanselmann denn auch jenen, die gerne über Politiker schimpfen: «Da ist es ja gut, dass es auch Politikerinnen gibt. Die machen es besser.» Die Politikerin rät aber auch dazu, das eigene Verhalten und die eigene Sprache immer zu reflektieren, damit frau nicht selbst in die Genderfalle tappt.

Prominente Plätze auf der Wahlliste

Und welche Faktoren braucht es für den Erfolg der Frauen? Zum einen muss die Partei aktiv Kandidatinnen suchen, fördern und prominent auf die Wahlliste setzen. Zum anderen müssen sich Frauen für die Wahl zur Verfügung stellen. Und letztlich müssen wir Frauen wählen. Aus ihrer eigenen 16-jährigen Erfahrung in der Politik wisse sie: «Es lohnt sich, die Komfortzone zu verlassen und eine klare Position zu beziehen. Das ermöglicht interessante Diskussionen und führt zu Lösungen. Und genau das ist das Tolle an der Politik.» So ermutigt Heidi Hanselmann, die Kandidatinnen, eben dies zu tun und den Schritt aufs politische Parkett zu wagen.

Etwas Persönliches zum Schluss

Zum anschliessenden Meet-up hatten sich zwei Regierungsrats- und 24 Kantonsratskandidatinnen angemeldet. Durch die Vorstellung führte die Gossauer Stadträtin Gaby Krapf auf sympathische und kompetente Art und Weise. Sie hatte alle Kandidatinnen gebeten, einen für sie wichtigen Gegenstand mitzubringen und kurz einige Worte dazu zu sagen. Danach stellte sie jeder eine politische Frage. So erlebten die anwesenden Frauen alle Kandidatinnen nicht nur von ihrer politischen, sondern auch von einer etwas persönlicheren Seite.

Hier geht es zu den Impressionen.

Und: Auf unserer Webseite «Wir stehen auf Politik» verraten die Kandidatinnen wieso sie kandidieren, wofür sie sich engagieren wollen und wer ihr politisches Vorbild ist.

Bild: Tanja Mosberger

Von |2020-02-13T10:05:29+01:0012. Februar 2020|Frauen, Politik, Vernetzen|0 Kommentare