Ein Leben in fernen Ländern. Davon träumte Siri Walt schon als junge Studentin. Wohl auch deshalb, weil sie in Norwegen – woher ihr ungewöhnlicher Vorname stammt – geboren ist und erst später als Kind mit ihren Eltern in die Schweiz zurückkehrte, ins St.Galler Rheintal. Trotzdem: Diplomatin stand nie auf ihrer Liste der Traumberufe. Doch ein Schulkollege überzeugte sie, das anspruchsvolle Assessment für die Diplomatenausbildung zu wagen.

Zusammen mit 13 Mitbewerbenden, darunter sechs Frauen, wurde sie angenommen. Die diplomatische Laufbahn führte Siri Walt zuerst von Bern und Kairo nach Südkorea, von dort nach Nairobi und Tunis. 2016 wurde sie Botschafterin in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo. Heute leitet sie die Abteilung Sub-Sahara und Frankophonie im Eidgenössischen Departement (EDA) in Bern. Ein Gespräch über das Leben auf dem diplomatischen Parkett. Und darüber, wie es ist, alle vier Jahre an einen neuen Ort umzuziehen.

Frau Walt, was muss man tun, damit man Diplomatin wird?

Siri Walt: Ein Studium und mehrere Sprachen sind Bedingung. Es gibt eine strenge schriftliche und mündliche Prüfung. Letztlich braucht es auch etwas Glück. Denn man muss zu den gesuchten Profilen passen. Die Persönlichkeit ist also mitentscheidend.

In Ihrem Jahrgang schafften es 14 Personen, darunter sechs Frauen. Die Diplomatie ist aber doch eher eine Männerdomäne?

Siri Walt: Das EDA setzt sich schon lange für ein gutes Verhältnis zwischen Männern und Frauen ein. Heute haben wir im mittleren Kader einen Frauenanteil von 50%. Im Top-Kader haben wir das allerdings noch nicht erreicht. Hier stossen die Frauen nach wie vor an die gläserne Decke.

Ihr erster Posten führte Sie nach Seoul. Welche Position hatten Sie dort? Und wie startet eigentlich die diplomatische Laufbahn?

Siri Walt: In Seoul war ich Deputy Head of Mission. Die Laufbahn beginnt aber meist in Bern als Desk Officer. Man betreut ein Dossier, ein oder mehrere Länder oder einen Themenbereich. Dann folgt der erste Auslandaufenthalt. In Kenia war ich ebenfalls stellvertretende Missionschefin. In kleinen Botschaften gibt es oft nur zwei Diplomaten.

Können Sie Ihren Einsatzort wählen?

Siri Walt: Ein Auslandeinsatz dauert normalerweise vier Jahre. Jedes Jahr wird ein Viertel der Posten neu besetzt. Es gibt jeweils eine Liste mit den Posten, die frei sind. Auf diese kann man sich bewerben.

Und was machen Sie, wenn Ihnen der zugewiesen Auslandposten nicht gefällt? Können Sie wechseln?

Siri Walt: Dafür bräuchte es triftige Gründe, zum Beispiel gesundheitliche Probleme oder wenn die Kinder sich nur schwer integrieren können. Es wird schon auch erwartet, dass man etwas aushält.

2016 wurden Sie erstmals Botschafterin. In Kongo. Das ist kein einfaches Land.

Siri Walt: Kongo ist ein anspruchsvolles Land für den ersten Botschfter-Posten. Aber auch wenn es schwierig ist, sollte man zugreifen, wenn sich einem eine Chance bietet. Das gilt generell im Leben. Doch auch für die Familie muss ein neuer Posten stimmen. Wir haben gemeinsam beschlossen, dass wir nach Kinshasa gehen.

Geht immer die ganze Familie mit? Das ist bestimmt nicht einfach.

Siri Walt: In der Regel kommt die Familie immer mit, vor allem wenn der Posten weiter weg ist. Als ich in Tunis war, blieben mein Mann und mein Sohn in der Schweiz. Erpendelte dann alle 14 Tage gependelt. Es braucht Vertrauen, dass man alles unter einen Hut bringt: Partner, Kinder, Schule, die eigene Karriere. Das würde eigentlich auch für die Männer gelten. Und doch fällt es ihnen scheinbar leichter, alles zu vereinen. In Kinshasa hat vor allem mein Mann die Familie organsiert.

Für Ihren Mann muss der neue Ort ebenfalls stimmen. Wie überzeugen Sie ihn?

Siri Walt: Es muss für die ganze Familie stimmen. Das handeln wir jedes Mal aus. Erfolgreich sind wir dann, wenn wir später sagen, es war für alle eine gute Erfahrung.

Haben Sie einen Tipp, wie das Aushandeln gelingt?

Siri Walt: Es braucht viel Grundvertrauen in die Beziehung. Und man muss Kompromisse schliessen können. Letztlich ist es ein guter Test für die Partnerschaft.

Wie oft besuchen Sie die Heimat?

Siri Walt: Die Regel ist, dass man einmal im Jahr in die Schweiz reist, für mindestens zwei Wochen. Dies, damit man den Kontakt zur Basis behält. Die Verankerung in der Schweiz ist wichtig. Je nach Distanz, besucht man die Heimat öfters oder nur selten. Je entfernter der Einsatzort ist, desto aufwendiger die Reise.

Was haben Sie an Kinshasa besonders geschätzt?

Siri Walt: Da gibt es viele Dinge. Geschätzt habe ichdas Kooperationsprogramm mit der DEZA und Projekte wie zum Beispiel zur Friedensförderung. Im Kongo gibt es zwar viele Konflikte und sehr viel Armut. Die Menschen aber sind unglaublich freundlich und zugänglich. Wir pflegten teilweise enge Beziehungen zu den verschiedensten Leuten, auch zu Künstlerinnen und Künstler oder zu NGOs. Diese Kontakte waren sehr bereichernd. Für mich sind grundsätzlich jene Posten interessant, die anspruchsvoll sind. Für Schweizer Geschäftsleute ist es wichtig, dass es insbesondere in einem schwierigen Land eine Botschaft vor Ort hat.

Wie ist die Wertschätzung gegenüber Frauen?

Siri Walt: Dies war bei keinem meiner Posten je ein Thema. Als Botschaftsangehörige kennt man solche Probleme weniger, man wird über die Funktion akzeptiert.

Aber ein selbstbewusstes Auftreten ist bestimmt hilfreich?

Siri Walt: Ja, natürlich. Ein professionelles Auftreten ist wichtig.

Lernt man das?

Siri Walt: Sozialkompetenz ist wichtig. Nicht nur in der Diplomatie. Es braucht viel Verhandlungsgeschickt und Empathievermögen, um sich in die Gesprächspartner und einen anderen Kulturkreis einfühlen zu können. Solche Fähigkeiten zählen.

Haben Sie sich immer sicher gefühlt?

Siri Walt: Im Kongo nicht immer. Gerade, wenn wir nachts unterwegs waren. Man versucht durch sein Verhalten, Risiken zu verhindern. Risikomanagement ist ein wichtiges Thema.

Haben Sie ein Beispiel?

Siri Walt: Dies war bei keinem meiner Posten je ein Thema. Als Botschaftsangehörige kennt man solche Probleme weniger, man wird übIm Kongo war die politische Situation angespannt. Es gab Unruhen und Strassensperren der Polizei. Nachts stehen manchmal stark bewaffnete Soldaten an den Strassensperren. Da ist man schon sehr vorsichtig. Natürlich gibt es Verhaltensregeln und es gilt immer, eine aggressive Situation zu deeskalieren. Eigene Sicherheitsleute hatten wir zwar nicht, aber die Diplomatenschilder am Auto weisen auf Botschaftsmitglieder hin. Zudem habe ich einen Diplomatenausweis. Das ist hilfreich.er die Funktion akzeptiert.

Sind Ihnen besondere Momente aus Ihrer Zeit im Kongo in Erinnerung geblieben?

Siri Walt: Es gab viele berührende Momente. Einerseits war da die Armut der Bevölkerung, andererseits kann man viel bewirken, um den Leuten zu helfen. Es mag ein Tropfen auf den heissen Stein sein, es ist aber wichtig, dass man solidarisch ist. Viele NGOs sind im Kongo mit Projekten vertreten. Hier sieht man konkret, was man erreichen kann. Wir haben zum Beispiel eine Zahnarztklinik unterstützt. Ein Besuch beim Zahnarzt ist für uns selbstverständlich, nicht aber im Kongo. Sie hatten zwar ausrangierte Geräte aus der Schweiz, aber sie funktionierten bestens.

Haben Sie jeweils etwas aus der Schweiz vermisst?

Siri Walt: Man vermisst viele Dinge. Das merkt man aber erst, wenn man wieder in der Schweiz ist. Beim ersten Einkauf nach langer Zeit staunt man in der Migros, wie viele Dinge es überhaupt gibt.

Haben Sie selbst gekocht?

Siri Walt: Mein Mann und ich kochen beide gerne selbst. In Kinshasa hatten wir aber einen Koch, der sowohl kongolesische als auch Schweizer Gerichte zubereitete. Er war schon lange für die Botschaft tätig, da kannte er natürlich das eine oder andere Schweizer Gericht. Und bei Einladungen servierten wir schweizerisches Essen.

Wer gehörte zu Ihren Gästen?

Siri Walt: Bei offiziellem Besuch aus der Schweiz waren viele kongolesische Gäste eingeladen. Vertreterinnen und Vertreter der Regierung und der Wirtschaft, aber auch Kunstschaffende und Personen aus der Zivilgesellschaft.

Kann man als Diplomatin die Wahrheit sagen?

Siri Walt: Im Kongo gibt es viele Menschenrechtsverletzungen. Wir thematisieren das, aber nicht mit lauten Worten. Da ist wirklich Diplomatie gefragt. Wir versuchen eher, hinter den Kulissen unsere Botschaft abzugeben. Bei einem Regierungstreffen werden durchaus schwierige Themen angesprochen. Das ist wichtig. Die Schweiz geniesst in Afrika eine gewisse Glaubwürdigkeit, gerade weil sie nie eine Kolonie hatte. Man schätzt unsere Neutralität. Wir bieten uns vor allem auch als Brückenbauerin an.

Wie geht man mit der Korruption um?

Siri Walt: Korruption ist in vielen Ländern ein Problem. Auch in der Botschaft respektive in den Konsulaten gibt es gewisse Risiken, zum Beispiel im Visa-Bereich. Dort investieren wir in die Risikoprävention. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit, wo viel Geld im Spiel ist, schauen wir sehr genau, wohin dieses fliesst. Wir vertreten diesbezüglich auf der politischen Ebene eine klare Linie. Aber auch Firmen können mit Korruption konfrontiert werden. Schweizer Unternehmen können sich heutzutage keine Korruption leisten, und wir unterstützen sie im Kampf dagegen. Wir erklären den Regierungen vor Ort, dass sie Korruption bekämpfen müssen, wenn sie Schweizer Firmen anziehen wollen.

Stichwort China: Hat das Land Afrika ohne Krieg übernommen?

Siri Walt: Der Einfluss von China in Afrika ist enorm. In allen afrikanischen Ländern. China investiert viel. Das ist nicht nur schlecht, China baut Strassen, Häfen und Flughäfen. Das Risiko besteht darin, dass sich die Länder gegenüber China stark verschulden. Das hat Einfluss auf wichtige Rohstoffe, sie gelangen hauptsächlich nach China. In Kongo heisst es: Infrastruktur gegen Rohstoffe.

Im Moment sind Sie in der Schweiz stationiert. Haben Sie sich wieder gut eingelebt?

Siri Walt: Ja, die ganze Familie fühlt sich wohl. Vor allem auf die Milchprodukte und das frische Gemüse habe ich mich gefreut. Frische Milchprodukte gibt es im Kongo kaum.

Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf Ihren Job aus? Das Reisen ist fast nicht möglich. Wie ist die Situation in Afrika?

Siri Walt: Letztes Jahr konnten wir tatsächlich fast nicht reisen. Sich ein klares Bild über die Situation in Afrika zu machen, ist schwierig. Die offiziellen Covid-Fallzahlen sind tief, was aber auch daran liegen kann, dass man wohl weniger testet und weil die Bevölkerung sehr jung ist. Zudem sind die Temperaturen viel wärmer. Die wirtschaftlichen Folgen sind in Afrika aber enorm.

Welche Aufgaben haben Sie als Leiterin der Abteilung Sub-Sahara und Frankophonie im EDA?

Siri Walt: Mir obliegt eine Koordinationsfunktion; dazu braucht es den Gesamtüberblick. Wir haben eine Strategie für Subsahara-Afrika initiiert, die sehr breit konsultiert wurde. Bei Afrika denkt man oft nur an Krisen und Konflikte. Wir wollen ein differenzierteres Bild zeigen, denn es gibt auch Länder, die stabil sind. Und diese sind interessant für die Schweizer Wirtschaft.

Und wie steht es um die Migration?

Siri Walt: Die Migration ist ein wichtiges Thema. Ein grosser Teil der Migration bleibt aber in Afrika, die Menschen migrieren von einem armen in ein reicheres afrikanisches Land. Das Bevölkerungswachstum ist sehr hoch, im Kongo haben die Familien im Schnitt sechs Kinder. Unser Ansatz – insbesondere der DEZA – ist, in die Bildung und Grundversorgung zu investieren. Diese fehlt. So kann man die Migration an der Wurzel angehen.

Wo kann man mehr bewirken, in Bern oder vor Ort?

Siri Walt: Es braucht beides. Vor Ort geht ums Umsetzen und das Verhandeln mit Regierungen. In Bern ist die Arbeit strategischer. Man plant, in welchen Ländern man welche Ziele erreichen will. Ich bin die Chefin der Botschafterinnen und Botschafter in Afrika und mache daher die Zielvereinbarung mit ihnen.

2023 heisst es wieder: Koffer packen. Wohin geht es?

Siri Walt: Das können wir noch nicht wirklich planen. Es gibt ein betriebliches Interesse, das EDA muss seine Ressourcen so einsetzen, wie es sinnvoll ist. Dann kommt es auch auf die familiäre Situation an ob z.B. unser Sohn noch mitkommt. All dies ist Teil des Entscheidprozesses. Ich selbst mag herausfordernde Posten. Mein Mann und mein Sohn haben aber natürlich ein Mitspracherecht.

Ist die Diplomatie Ihr Traumberuf?

Siri Walt: Ja, auch wenn es manchmal herausfordernd ist. Aber es ist doch ein Privileg, alle vier Jahre ein neues Land kennenzulernen.

Wieso beträgt der Turnus genau vier Jahre?

Siri Walt: Etwas zugespitzt könnte man sagen: Ein Jahr braucht es, um sich einzuarbeiten. Dann folgen zwei Jahre, in denen man sich auf das Land fokussieren kann. Im vierten Jahr plant man bereits den nächsten Schritt. Je besser man ein Land kennt, desto besser kann man die Situation analysieren und einschätzen, was die Schweiz aufgleisen sollte. Trotzdem darf man nicht zu eng mit dem Land und den Leuten verbunden sein, damit man nicht die Sichtweise des Gastlandes übernimmt. Wir müssen uns stets im Klaren sein, dass wir die Interessen der Schweiz vertreten.

Und wie ist das mit dem Umziehen? Nehmen Sie immer alle Möbel mit?

Siri Walt: Das folgt einem komplizierten System. Die öffentlichen Räume für Einladungen sind vom Bund möbliert. Für die privaten Räume bringen wir die eigenen Möbel mit. Das heisst, wir verschiffen sie alle vier Jahre. In der Schweiz haben wir jedoch nur eigenes Mobiliar und wohnen wie alle anderen hier.

Hier geht es zu den Impressionen.

Die Bilder sind von Bettina Mattes.

Von |2021-11-30T21:19:30+01:0030. November 2021|Events, Frauen, Politik, Vernetzen|0 Kommentare

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