Die Stimme der Frauen – 14. Juni 2019 – Frauenstreik

  • Frauen streiken 1991

1991 war der erste und bisher einzige Frauenstreik in der Schweiz. Damals gingen hunderttausende Frauen auf die Strasse. Wir wollten von vier Politikerinnen und Wirtschaftsfrauen wissen, ob es auch mehr als 20 Jahre später immer noch einen Streik braucht. Und wenn ja, warum.

Notiert: Martina Müri

Kathrin Hilber

Kathrin Hilber

ehem. Regierungs- und Nationalrätin SG,
Coaching, Mediation

www.kathrin-hilber.ch

Ist der Frauenstreik zeitgemäss?

Der Streik ist eine starke Ausdrucksform, wie man aus dem Alltag ausbrechen und die Spielregeln ändern kann. Streiks definieren die Politik von unten nach oben. Es ist eigentlich sehr bedauerlich, dass es in unserem reichen Land wieder diese Impulse von der Lebensbasis braucht, die unmissverständliche Stimme der Frauen. Die Wirtschaft hat es in 28 Jahren, seit dem ersten Streik, nicht geschafft, die Lohngleichheit für Frauen und Männer zu garantieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu sichern. Das macht traurig und zornig zugleich.

Müssen wir Frauen denn noch streiken? Wofür?

Wer in Zusammenhängen denkt, der weiss, dass es ohne Lohngleichheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie keine Rentenreform geben wird, so wichtig diese wäre. Frauen mit kleineren Löhnen werden auch kleinere Renten haben. Sie zudem, mit einer Erhöhung des Rentenalters zu bestrafen ist inakzeptabel! Darum braucht es diesen Frauenstreik.

Gehen Sie am 14. Juni auch auf die Strasse? Haben Sie früher gestreikt?

Ich bin am 14. Juni in St. Gallen unterwegs. Mal sehen, wen ich treffe und wo ich hängen bleibe. Ich freue auf den besonderen Tag. Er wird seine Wirkung haben!

Was hat sich im Vergleich zu früher für uns Frauen zum Positiven entwickelt beziehungsweise zum Negativen?

Seit 1991 hat sich viel bewegt. Die Gesellschaft ist offener und demokratischer geworden. Entscheidend dabei ist, das veränderte Rollenverständnis von Mann und Frau. Gleiche Rechte, statt die Vorherrschaft eines Geschlechtes! Mit diesem Denken hat sich viel bewegt. Gesetze orientieren sich daran. Die Chancengleichheit ist theoretisch weitgehend erfüllt. Einfordern müssen sie Frauen und Männer jedoch selbst.

Ihr Appell an die Frauen und die Männer?

Wenn man die peinliche Diskussion zum Vaterschaftsurlaub hört, dann würde ich mir einen Männerstreik wünschen. Männer könnten von Frauen viel lernen!

Jacqueline Schneider

Geschäftsführerin der
Frauenzentrale St.Gallen

www.fzsg.ch

Ist der Frauenstreik zeitgemäss?

Auf jeden Fall, Proteste wirken aus meiner Sicht nur, wenn sie öffentlich passieren. Bestes Beispiel dafür: die Klimakids – es gibt eine Diskussion, auch wenn diese durchaus kontrovers ausfällt.

Müssen wir Frauen denn noch streiken? Wofür?

Leider ja! Obwohl wir seit über 20 Jahren ein Gleichstellungsgesetz haben, ist die Lohndifferenz zu Männern immer noch gravierend. Jede fünfte Frau erlebt in irgendeiner Form Gewalt. Beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf konnten zwar Fortschritte erzielt werden. Themen wie Elternzeit oder Teilzeitarbeit scheinen aber immer noch schier unüberbrückbare Hindernisse, für Männer und Frauen zu sein.

Was fordern Sie konkret? Und warum?

Ich möchte, dass wir die Gesetze, welche wir haben, konsequent umsetzen und Frauen selbstbestimmt ihr Leben gestalten können, frei von allen Konventionen und Vorstellungen. Ich fordere zudem Respekt und Toleranz für alle Geschlechter und ich wünsche mir, dass die Care Arbeit, welche von Frauen geleistet wird, besser anerkannt wird und eine Form gefunden wird, wie man diese Leistungen gerecht vergüten kann.

Gehen Sie am 14. Juni auch auf die Strasse? Haben Sie früher gestreikt?

Ja, die Frauenzentrale organisiert am 14. Juni um 10.00 Uhr einen Sternenmarsch aus den Quartieren. Besonders freue ich mich auf die Grosskundgebung am Nachmittag. Interessierte finden Infos dazu unter www.fzsg.ch. Ich war schon am ersten Steik 1991 dabei. Glücklicherweise gibt es kein Foto davon. Ich war 20, war mit der Ausbildung fertig und fand es himmeltraurig, als ich feststellte, dass ein Arbeitskollege von mir, gleich alt wie ich, für den gleichen Job 500 Franken mehr verdiente.

Was hat sich im Vergleich zu früher für uns Frauen zum Positiven entwickelt beziehungsweise zum Negativen?

Wir haben viel erreicht im Bezug auf die Gleichstellung. Wenn wir daran denken, dass Frauen Anfang der 1970er Jahre, ihren Mann noch um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie einer Arbeit nachgehen wollten oder wenn Sie selbstständig ein Bankkonto eröffnen wollten, ist sicher viel passiert. Und auch wenn ich auf den Bereich Bildung, Berufswahl und Arbeit schaue, hat sich viel getan.

Ihr Appell an die Frauen und die Männer?

Wir lösen die Probleme und Fragestellungen nur gemeinsam, dazu braucht es Mut zur Veränderung, gegenseitiges Verständnis und einen offenen Dialog.

Katharina Lehmann

Katharina Lehmann

Verwaltungsratspräsidentin
Lehmann Gruppe Gossau

www.blumer-lehmann.ch

Ist der Frauenstreik zeitgemäss?

Nein, auf den Schweizer Kontext bezogen finde ich einen „Generalstreik“ der Frauen nicht mehr zeitgemäss.

Müssen wir Frauen denn noch streiken? Wofür?

Nein, wir Frauen haben aus meiner Sicht keinen Grund, mittels eines Streikes unsere Positionen zu verfechten. Vielmehr sollten wir uns für konkrete Anliegen einsetzen, z.B. eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder für Hilfestellungen für alleinerziehende Mütter und Väter. Hier herrscht Handlungsbedarf.

Gehen Sie am 14. Juni auch auf die Strasse? Haben Sie früher gestreikt?

Nein, ich gehe nicht auf die Strasse und ich finde einen Streik generell das falsche Mittel. Das entspricht nicht unserer Kultur.

Was hat sich im Vergleich zu früher für uns Frauen zum Positiven entwickelt beziehungsweise zum Negativen?

Ich finde, dass wir Frauen uns nicht als Opfer darstellen sollen. Wir haben heute viel mehr Chancen als früher und müssen dafür auch die Verantwortung übernehmen.

Ihr Appell an die Frauen und die Männer?

Setzt Euch für die wirklich benachteiligten Menschen und differenziert Eure Anliegen. Das gilt für Frauen als auch für Männer.

Helen Alder

Stadträtin Gossau
Departement Jugend, Alter, Soziales

www.stadtgossau.ch

Ist der Frauenstreik zeitgemäss?

Der Frauenstreik vor gut 20 Jahren war nötig, um die Menschen wach zu rütteln, so dass die Gleichberechtigung nicht nur in der Verfassung steht, sondern auch umgesetzt wird. Heute ist zwar vieles besser. Trotzdem haben wir noch keine Gleichberechtigung erreicht. Wir dürfen uns mit dem Erreichten nicht zufriedengeben. Insofern ist der Streik sicher auch heute noch zeitgemäss. Der Streik erinnert auch daran, dass vor gut zwanzig Jahren vieles noch nicht selbstverständlich war.

Müssen wir Frauen denn noch streiken? Wofür?

Die fehlende Lohngleichheit beschäftigt uns immer noch. In Zusammenhang damit steht auch das Rentenproblem vieler Frauen. Aufgrund von Teilzeitarbeit, Hausarbeit und anderer Gratisarbeit fehlt vielen im Alter eine ausreichende Rente und sie sind grundsätzlich einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt.

Was fordern Sie konkret? Und warum?

Neben der Lohngleichheit muss die Kinderbetreuung verbessert werden, so dass Frauen tatsächlich berufstätig bleiben können. Dabei wünsche ich mir, dass auch die Männer mitmachen. Es freut mich immer sehr, wenn ich junge Paare sehe, welche sich sowohl die Erwerbs- wie auch die Familienarbeit teilen. Die Verantwortung wird gemeinsam getragen. Dies ist für alle Beteiligten eine Bereicherung.

Gehen Sie am 14. Juni auch auf die Strasse? Haben Sie früher gestreikt?

Ich habe selber nicht gestreikt. Mein Einsatz gilt seit Jahren dem Aufbau flächendeckender Kinderbetreuung. Auch sehe ich mein politisches Engagement als Beitrag. Es ist schade, dass sich Frauen immer noch schwertun, aktiv in der Politik mitzuwirken.

Was hat sich im Vergleich zu früher für uns Frauen zum Positiven entwickelt beziehungsweise zum Negativen?

Ein Erfolg ist sicher, dass Frauen heute genauso gut gebildet sind wie die Männer. Der Knick kommt meist erst mit der Familiengründung – dort besteht noch Handlungsbedarf.

Ihr Appell an die Frauen und die Männer?

Ich wünsche mir, dass Gleichberechtigung gelebt wird, dass das Leben zu einem Miteinander zwischen Männern und Frauen wird. In meiner Zukunftsvision spielt es keine Rolle, wer den grösseren Teil der Haus- und Familienarbeit leistet. Niemand soll sich rechtfertigen müssen oder finanzielle Nachteile erleiden, weil er oder sie sich der Haus- und Familienarbeit widmet.

Headerbild: Schweizerisches Sozialarchiv, Sozarch_F_Fb-0024-21

Bilder: zVg

Von |2019-06-14T09:30:40+02:0012. Juni 2019|Allgemein, Frauen, Politik, Wirtschaft|0 Kommentare