Jasmin, Rosen und ein Stoff aus PET

  • Porträt von Camilla Fischbacher

Teheran, Los Angeles, Hong Kong, Tokyo. Camilla Fischbacher hat an vielen Orten dieser Welt gelebt und gearbeitet. Sesshaft wurde sie letztlich in St.Gallen. Natürlich hatte dabei die Liebe ihre Hand im Spiel, aber auch der richtige Job. In der Leitung des Design Studios der Christian Fischbacher Co. AG hat die Powerfrau eine Aufgabe gefunden, in der sie all ihre Interessen und Talente einbringen kann. Und bei der sie neue, innovative Wege beschreiten kann. Zum Beispiel mit dem Samtstoff BENU, aus recyceltem PET.

Andrea Sterchi

Für Camilla Fischbacher riecht die Kindheit nach Jasmin. Und vielleicht etwas nach Rosen. Doch besonders die schwere Süsse des Jasmins erinnert sie an die Zeit, als sie in Teheran aufwuchs, als sie am Vormittag die Schule auf Englisch besuchte und am Nachmittag auf Persisch, erzählt sie am Frauennetz BarGespräch im Textilmuseum St.Gallen. Und doch hätte sie damals in einer Märchenwelt gelebt. «Natürlich sehe ich das durch die rosarote Brille», gibt sie offen zu. Die politische Situation im Iran war bereits vor der Revolution unsicher. Als Camilla Fischbacher bei Verwandten in der Schweiz auf Besuch war, griff der Irak Iran an. Mit Ausbruch des Krieges war eine Rückkehr undenkbar. Plötzlich war sie heimatlos, ein Flüchtling. «Das war eine schwierig Zeit. Die ganze Familie war auseinandergerissen», erzählt sie. Immer wieder sprachen sie vom Zurückgehen. Doch dann war wieder ein Jahr um und irgendwann war die Rückkehr kein Thema mehr.

Aufbruch in ein neues Leben

Camilla Fischbacher richtete sich in ihrem neuen Leben ein. Sie machte die Matura, ging zum Studieren in die USA, wo sie den Bachelor of Arts in Geschichte und Kunstgeschichte abschloss, und hängte ein Masterstudium in Oxford an. Hier belegte sie das Studienfach Nahoststudien. «Ich wollte wissen, wieso es zur Revolution im Iran gekommen ist. Besonders interessiert hat mich die Rolle der Frau vorher und nachher», sagt Camilla Fischbacher. Das Studium war für sie auch eine Rückkehr zu ihren eigenen Wurzeln und zur persischen Sprache, die sie bis dahin verdrängt hatte.

Schicksalshafte Begegnung

In Oxford verliebte sich Camilla Fischbacher auch in ihren heutigen Mann Michael. Mit der Anekdote wie sie sich an einer Party kennengelernt hatten, gab sie einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben. Überhaupt antwortete sie auf jede Fragen der Moderatorin, Sandra-Stella Triebl, Unternehmerin und Verlegerin des Businessmagazins Ladies Drive, mit einer entwaffnenden Offenheit und sehr viel Humor. So erzählte sie, wie sie sich nur auf Drängen ihrer Zimmerkollegin mit dem einzigen Schweizer unterhalten haben. Dieser habe gedacht, sie sei eine dieser Amerikanerinnen, die die Schweiz mit Schweden verwechselte. Daher sei er ziemlich verblüfft gewesen, als sie ihn auf Schweizerdeutsch angesprochen habe.

Einmal rund um die WeltCamilla Fischbacher mit ihrem Design-Team

Zusammen bereisten sie die Welt. Sie lebten zuerst in Malaysia dann in Hong Kong. Hier fand Camilla Fischbacher Arbeit in einer chinesischen Designfirma. Die Arbeitsbedingungen seien hart gewesen, aber eine gute Schulung. Eigentlich wollte sie Hong Kong nicht verlassen, als Christian Fischbacher der V. seinen Sohn für den Einstieg ins Familienunternehmen gewinnen wollte. Ihr Schwiegervater habe ihr aber einen spannenden Job angeboten, lacht sie. Sie sollte den ersten Schweizer Show Room einrichten und leiten. In St.Gallen hiess es für Camilla Fischbacher aber zuerst einmal die Textilfachschule besuchen und Stages bei verschiedenen Herstellern machen. Bevor sich die Familie, mittlerweile hatte Camilla Fischbacher zwei Buben, endgültig hier niederliess, verbrachten sie zwei Jahre in Los Angelas, hier kam die Tochter auf die Welt, und danach fünf Jahre in Tokyo.

Der Erfolg liegt in der Wandlung

Seit 2008 leiten Camilla und Michael Fischbacher die Christian Fischbacher Co. AG in der sechsten Generation gemeinsam. Camilla Fischbacher obliegt als Art Director die Leitung des firmeneigenen Design Studios. Was einst mit Rohwebwaren begann, mit bedruckten Taschentüchern, Foulards und Kleiderstoffen weiterging, ist heute ein Unternehmen, das bekannt ist für seine edlen Heimtextilien und Bettwäsche. Diese Wandlung ist es auch, was das Fortbestehen in den vergangenen 200 Jahren sicherte. Die Fähigkeit, sich zu wandeln, liegt sozusagen in der «DNA» des Unternehmens. «Schon der Grossvater sagte: <Jede Generation soll die Firma neu erfinden>», sagt Camilla Fischbacher.

Kreativität und Innovation

Neuer Stoff aus PET

Auch sie trägt ihren Teil bei – mit Stoffen aus recycelten PET-Flaschen und Wollstoffen. Als sie sich vor zehn Jahren sich zum ersten Mal mit einem nachhaltigen Stoff aus PET befasst, fand sie ihn vom Aussehen und Anfassen her hässlich. Die Idee aber überzeugte sie. «Es macht einfach Sinn.» Jetzt wollte sie selbst einen solchen Stoff produzieren. Zuerst musste sie allerdings die Geschäftsleitung davon überzeugen. «Wir haben jedes Jahr einen Stoff herausgebracht. Ich habe ein tolles Designteam», sagt sie. Auch wenn es sich zu Beginn etwas gesträubt hatte, erzählt sie. «Sie meinten, die Farben seien hässlich. Also sagte ich zu Ihnen: Wozu seid ihr Designer, macht ihn schön.» Damit hatte sie den richtigen Ton getroffen. Vor kurzem präsentierte die Christian Fischbacher Co. AG auf der Möbel Messe in Mailand eine Weltneuheit – einen Outdoor-Veloursstoff aus PET. Ihn gibt es nicht nur in 30 Farben, er ist auch lichtecht und schwer entflammbar – BENU Talent. «Ich bin sehr stolz, dass uns dieser Samtstoff gelang. Es hat sich gelohnt, hartnäckig zu bleiben.»

Powerfrau ohne Grenzen?

Ein Leben ohne Arbeit kann sich Camilla Fischbacher nicht vorstellen. Sie ist für sie ein Ausgleich zur Familie. Deshalb findet sie es wichtig, Frauen zu unterstützen, die eine Karriere und Familie verbinden wollen. Und wie schafft sie selbst es, allen Herausforderungen gerecht zu werden? «Man muss Prioritäten setzen, um Hilfe bitten und bestimmte Dinge pflegen», sagt sie. Dazu zählt etwa, dass sie mit ihrem Mann vor 8 Uhr morgens und nach 8 Uhr abends nicht übers Geschäft spricht. Und Zeit, die sie für sich selbst nimmt, zum Beispiel für Yogaübungen oder das Meditieren. «Wenn man sich Zeit für sich nimmt, dann kann man danach wieder für andere da sein.» Letztlich sei auch ein gutes Arbeitsklima wichtig. Frauen würden in solchen Situationen leider oft untätig bleiben. Ihr Rat deshalb: Kann man die Situation nicht ändern, dann braucht es vielleicht eine Veränderung bei sich selbst.

Mehr Bilder vom Frauennetz BarGespräch mit Camilla Fischbacher gibt es unter Impressionen.

Textilland Ostschweiz

Möchtest du mehr über das Textilland Ostschweiz wissen? Hier kannst du die textile DNA der Ostschweiz selbst erleben.

Zudem gibt es auch geführte Touren. Dabei erfährst du zum Beispiel im Textilmuseum mehr über exquisite Stoffe, Stickereien und Spitzen, mit denen sich St.Gallen einen Namen als Textilstadt gemacht hat. Und mehr zur spannenden Geschichte der Christian Fischbacher Co. AG gibt es unter diesem QR-Code:

Das Bild zeigt einen QR-Code

 

Headerbild und Bild des QR-Codes: Tanja Mosberger

Weitere Bilder: Copyright Christian Fischbacher Co. AG

Von |2019-06-14T08:05:27+02:0012. Juni 2019|Events, Frauen|0 Kommentare