Bakterien – beste Freunde und gefährliche Feinde

Bakterien sind ungemein vielfältig und anpassungsfähig. Sie halten die Luft sauber, helfen uns beim Verdauen, selbst PET bauen sie ab. Doch nicht immer sind sie unsere besten Freunde. Einfach und anschaulich erklärte Fachärztin Katia Boggian am Frauennetz-Abend zum Thema «Infektionskrankheiten», wann Bakterien uns krank machen und wieso Antibiotika zugleich Segen und Fluch sind.

Andrea Sterchi

1013 oder 100 Billionen. Aus so vielen Zellen bestehen wir als Erwachsene. Und genauso viele Bakterien haben wir in uns. Nähme man sie alle zusammen, wären sie so schwer wie unser Gehirn. «Wir sind halb Mensch, halb Bakterien», meint Katia Boggian, stellvertretende Chefärztin für Infektiologie/Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen. Und das ist gut so, denn ohne Bakterien könnten wir nicht leben. Dank ihnen können wir Brot, Käse und Wein herstellen. Sie helfen uns, Gemüse zu verdauen, produzieren Vitamine und schützen uns vor Krankheitserregern. Sie halten unsere Luft sauber und bauen schädliche Dinge ab. Sogar PET können sie auflösen. Für eine Flasche brauchen sie gerade mal 60 Wochen. «Bakterien sind ungemein vielfältig. Es gibt nichts, was sie nicht können», sagt Katia Boggian.

Was verursacht Infektionskrankheiten?

Bakterien, unsere besten Freunde? Nicht immer. Seit jeher sind sie auch ein gefährlicher Feind, der uns krank macht. Sie gehören zu einer Reihe von Mikroorganismen, die Infektionskrankheiten verursachen. Die kleinsten von ihnen sind die Prionen. Das sind Proteine. Sie sind verantwortlich für Prionenkrankheiten wie zum Beispiel BSE bei Rindern oder die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen.

Gegen Viren hilft Antibiotika nicht

Das Bild zeigt eine Pestmaske

Pestmaske

Danach kommen die Viren. Sie sind die Ursache von Infektionskrankheiten wie Herpes, Masern oder HI. Auch an allen Erkältungskrankheiten und an der Grippe sind Viren schuld. Anders als Bakterien können sie aber nicht eigenständig leben, sie brauchen immer eine Zelle. Und: Sie können nicht mit Antibiotika bekämpft werden. Dafür kann man sich gegen Viren impfen. Zum Beispiel gegen das Influenza-Virus. Allerdings schützt diese Impfung uns nur vor der Grippe, nicht aber vor Erkältungen.

Parasiten, Pilze und Würmer

Grösser als Bakterien sind einzellige Parasiten. Sie haben, im Unterschied zu den Bakterien, einen Zellkern und sind verantwortlich für Krankheiten wie Malaria, Toxoplasmose oder Scheidenentzündungen. Pilze machen uns ebenfalls krank. Sie verursachen zum Beispiel Windeldermatitis oder Nagelpilz. Und letztlich können auch Würmer, etwa der Fuchsbandwurm, Infektionen auslösen.

Pest, Cholera und Typhus – die Seuchen der Menschheit

Krank machen uns pathogene Bakterien immer dann, wenn sie unsere natürlichen Barrieren, die Haut und die Schleimhäute, überwinden. Das geschieht bei Wunden oder auch bei Operationen, wenn die Haut verletzt wird. Oder wenn die Chemotherapie die schützenden Schleimhäute zerstört. Bakterien sind auch die Auslöser für die sogenannten «Seuchen der Menschheit»: die Pest, Cholera oder Typhus. Erst im 19. Jahrhundert wurden Bakterien als ihre Ursache entdeckt. Bis dahin, und auch noch einige Zeit länger, glaubten die Mediziner an Hippokrates‘ Miasma-Theorie. Gemäss dieser war die «stinkende Luft» für die Verbreitung der Erreger verantwortlich. Darum sollten etwa Pestmasken die Träger davor bewahren, an der Pest zu erkranken.

 

Mit Bakterien infiziertes Trinkwasser

Über Indien war die Cholera 1831 nach London gekommen. Darum begann man, die «stinkenden Orte» zu eliminieren und leitete als Folge das Abwasser in die Themse. Der Arzt John Snow zweifelte an der Miasma-Theorie. Als die Cholera 1854 zum dritten Mal in London wütete, ging er den Krankheitsfällen nach. Er verdächtigte das Trinkwasser. Sein Verdacht sollte sich bestätigen. Wie sich herausstellte, hatten alle an Cholera erkrankten Personen ihr Wasser vom gleichen Trinkbrunnen geholt. Als John Snow dort den Handgriff abmontierte, ebbte die Epidemie ab. Der deutsche Arzt Robert Koch wies den Cholera-Erreger schliesslich 1883 erstmals nach.

Karte mit den Cholera-Krankheitsfällen. Roland D. Gerste beschreibt in der NZZ, wie der Arzt John Snow die Ursache für die Cholera-Epidemie fand.

Medizinische Revolution

Das immer grössere Wissen über Bakterien und wie sie übertragen werden, brachte medizinische Fortschritte. Eine bessere Hygiene, die Isolation von Patienten bis zu Impfungen. Die zufällige Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming läutete die bedeutendste Entwicklung der Medizingeschichte ein. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden weitere Antibiotika entdeckt. «Das war eine Revolution. Mit Antibiotika wurde vieles in der Medizin erst möglich. Operationen, Organtransplantationen und bessere Krebstherapien», sagt Katia Boggian.

Fluch und Segen zugleich

Doch die medizinische Wunderwaffe ist nicht nur Segen. Je mehr Antibiotika wir einsetzen, desto mehr Resistenzen gibt es. Die Bakterien passen sich an und werden resistent. Neben der Humanmedizin werden Antibiotika vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie sollen das Wachstum fördern, gegen Krankheiten vorbeugen, sie werden in der Massentierhaltung eingesetzt oder als Pflanzenschutzmittel verwendet. «40 bis 80% dieser Antibiotika sind höchstfraglich», sagt Katia Boggian. Immerhin: Die Schweizer Landwirtschaft habe ihren Einsatz gegenüber den 1980er Jahren halbiert. Trotzdem ortet die Fachärztin weiteren Handlungsbedarf. Aber auch die Konsumenten müssten ihr Verhalten anpassen. «Billiges Fleisch kommt aus der Massentierhaltung. Früchte und Gemüse kann nur dank Schädlingsbekämpfungsmittel günstig produziert werden.» Auch in der Humanmedizin plädiert die Fachärztin für einen bewussten Einsatz. «Heute hat niemand mehr Zeit, krank zu sein. Man fürchtet, den Arbeitsplatz zu verlieren. Da steigt der Druck auf die Hausärzte, Antibiotika zu verschreiben.»

Antibiotika töten auch die guten Bakterien

Sie stellt auch die vielen antibakteriellen Produkte infrage – von Feuchttüchern über Seifen bis zu Müllsäcken. «Es gibt es immer mehr Unverträglichkeiten und Autoimmunkrankheiten», sagt Katia Boggian. Zudem haben Antibiotika Nebenwirkungen wie Allergien oder Dickdarmentzündungen. Und vor allem: Antibiotika unterscheiden nicht zwischen guten und schlechten Bakterien. «Nehmen wir eine Woche lang Antibiotika, braucht die Darmflora unter Umständen vier Jahre, bis sie sich erholt hat.» Seit fünf Jahren untersuchen Forscher deshalb, welche Auswirkungen sie auf unseren Darm und unser Immunsystem haben. «Antibiotika sind Lebensretter. Wir müssen diese Wunderwaffe darum mit Bedacht einsetzen. Zumal es keine neuen mehr gibt», sagt Katia Boggian.

Bilder: Andrea Sterchi (Titelbild), Jan van Grevenbroeck (Pestmaske), John Snow 1856 (publiziert 1887 in Asclepiad. Band 4), NZZ (Karte)

Mehr Bilder gibt es unter Impressionen.

Von |2019-02-06T23:01:07+02:006. Februar 2019|Events, Frauen, Wirtschaft|0 Kommentare